Late Talker

Das wichtigste und durch die Forschung am besten bestätigte Kriterium zur Beurteilung des sprachlichen Entwicklungsstandes im Alter von 24 Monaten ist der Wortschatz eines Kindes. Ein Schwellenwert von 50 Wörtern sorgt für die sogenannte „Wortschatzexplosion“. Das bedeutet, dass zu diesem Zeitpunkt Kinder innerhalb kürzester Zeit mehrere hundert Wörter lernen. Mit einem Wortschatz von 50 Wörtern erwerben Kinder zudem die nötige Voraussetzung, durch Bildung von Zwei- und Mehrwortsätzen in die Grammatik einzusteigen. Wenn Kinder mit 24 Monaten keine 50 Wörter sprechen und/oder keine Mehrwortäußerungen produzieren, handelt es sich um Late Talker.  Dies betrifft ca. 13-20% aller Zweijährigen. Late Talker tragen das Risiko für eine sich möglicherweise entwickelnde Spracherwerbsstörung. Etwa 50% aller Late Talker können ihren Rückstand im Spracherwerb bis zum dritten Geburtstag aufholen und werden dann  „Aufholer“/ Late Bloomer genannt. Die anderen 50% der Kinder zeigen ab dem dritten Geburtstag eine behandlungsbedürftige spezifische Spracherwerbsstörung.

Wenn Kinder als Late-Talker diagnostiziert werden, wird ihr Entwicklungsrisiko erkannt, auch wenn es bis dahin unsicher ist, ob sich eine Sprachentwicklungsstörung ergeben wird. Die frühzeitige Risikoerkennung ermöglicht eine Förderung der betroffenen Kinder in einer Lebensphase mit dem größten Entwicklungspotential noch bevor sich eine Störung ausbildet.
Aus Verlaufsstudien ist bekannt, dass bei fast jeder Spracherwerbsstörung die Eltern rückblickend von einem verspäteten Sprechbeginn berichten. Der verspätete Sprechbeginn ist somit das wichtigste Signal für eine eventuelle Gefährdung des Spracherwerbs eines Kindes.

Therapie:
Elternfragebögen dienen der Erfassung eines verspäteten Sprechbeginns. Sie beziehen sich auf die zur Risikoerkennung wichtige Wortschatzgröße des Kindes und auf den beginnenden Grammatikerwerb.
Da ein verspäteter Sprechbeginn auch im Rahmen anderer Störungsbilder (wie bei genetischen Syndromen, Hör- und Sehbeeinträchtigungen, allgemeiner Entwicklungsverzögerung, neurologischen Erkrankungen) auftritt, sollten weitere Faktoren überprüft werden. Hierzu zählen die Sprachverständnisfähigkeiten,  interaktive kommunikative Fähigkeiten, der Status der Mund- und Gesichtsmuskulatur des Kindes sowie die Erfassung möglicher Risikofaktoren (z.B. familiäre Veranlagung). 
Durch eine früh einsetzende logopädische Therapie kann der Rückstand im Spracherwerb aufgeholt und präventiv Folgeprobleme vermieden werden. Außerdem können Eltern durch Beratung von ihrer Unsicherheit entlastet und unterstützt werden. Entgegen einer jahrzehntelangen Haltung des Abwartens wird heute eine möglichst frühe Intervention empfohlen.